07.12.2011

Peter Knobloch

Hinter den Sieben Bergen, bei den Sieben Zwergen


2008 in Siebenbürgen: hinter mir Schäßburg, die mutmaßliche Geburtsstadt von Vlad III. Tepes (dem Pfähler), Draculea

► Märchen gehören nicht unbedingt zum Metier eines Journalisten – zumindest darf man das erwarten. Dennoch schlägt das Grimm-Märchen viele Brücken: zwischen mir, meiner Geschichte und dieser Seite.

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Die Sieben ist für viele Menschen eine Glückzahl. Abergläubisch bin ich eigentlich nicht. Und so schenkte ich der Zahl lange Zeit auch keine besondere Beachtung. Dabei war sie, ohne dass ich es wusste, mein ständiger Begleiter. Ausgangspunkt ist eine Kleinstadt in Rumänien. Ihr Name steht am Ortseingang in drei Sprachen ausgeschildert: auf Ungarisch, Rumänisch und Deutsch – Székelyudvarhely, Odorheiu Secuiesc, Odorhellen. Dort brachte meine Mutter mich 1985 zur Welt.

Die Zahl 7

Sie ist nur einen Hauch von der Perfektion entfernt. In der Zahlenwelt gänzlich vollkommen ist eigentlich nur die Acht. Betrachten Sie nur, wie sie mit ihre Doppelschlaufe die Unendlichkeit verbildlicht – sie ließe sich in einer Bewegung ewig nachzeichnen. Die Sieben sollte man jedoch nicht unterschätzen. Immerhin soll Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen haben. Und der siebte, der Ruhetag: Ist er nun der letzte oder der erste Tag in der Woche? Oder vielleicht beides zugleich? So in etwa ist es auf dem Klavier. Egal wo man beginnt: Folgt man sieben weißen Tasten erreicht man nicht nur das Ende der jeweiligen Oktave, sondern auch den Anfang der nächsten Oktave – in welche Richtung man sich auch bewegt. Die Sieben trägt die Unendlichkeit, das Göttliche, bereits in sich. Abgesehen von all dem metaphysischen Zahlensalat hat diese Seite sieben Rubriken. Die siebte ist meine Sonntagskolumne.

Meine ersten Worte sagte ich auf Ungarisch. Sprach meine Mutter von dem Land, das wir kurz vor meinem vierten Geburtstag hinter uns ließen, dann sprach sie von „Erdély“. „Erdö“ ist das ungarische Wort für Wald. Mittelalterliche Urkunden bezeichneten die Region als Transsilvania, als Land jenseits der Wälder. Hinterwald, wie ich mein Panorama- und Heimatressort getauft habe, wäre als Name also nicht unbedingt abwegig.

Die deutschen Siedler, die bereits im 12. Jahrhundert auf Einladung des ungarischen Königs ins Land kamen, dachten jedoch nicht daran, ihre neue Heimat Hinterwald zu nennen. Sie nannten das Gebiet Siebenbürgen – vermutlich nach den sieben Verwaltungseinheiten der Siebenbürger Sachsen. Daneben teilte sich Siebenbürgen in sieben Komitate des ungarischen Adels und in sieben Stühle der ungarischen Székler. Die Sieben wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Sie schlummerte in der Geschichte meiner Heimat – lange bevor ich zählen konnte.

Von dem Glück, das die Zahl für viele Menschen ausstrahlt, war 1989 wenig zu spüren. Meine Mutter und ich verließen ein bitterarmes Land. In Rumänien herrschten Hunger und ein offenbar verrückter Diktator. In dem Wahn, innerhalb weniger Jahre sämtliche Staatsschulden begleichen zu wollen, kürzte Nicolae Ceausescu der eigenen Bevölkerung die Lebensmittelrationen. „Pro Person 300 Gramm Brot täglich, im Monat drei Liter Milch, 315 Gramm Butter, neun Eier und 1,42 Kilogramm Geflügel, das oft nur aus Köpfen und Gekröse besteht“, schrieb der Spiegel im November 1987, einen Tag nach meinem zweiten Geburtstag. Während die Bevölkerung hungerte, exportierte der Staat die Ernten ins Ausland. Unterdessen ließ sich der Pharao an der Donau, wie Ceausescu auch genannt wird, einen kolossalen Palast im Zentrum der Hauptstadt Bukarest errichten. Historiker Tony Judt nannte das „Haus des Volkes“, wie der Conducator (Führer) den Bau unverfroren taufte, eine monströse Metapher für maßlose Tyrannei. Bis heute ist es das größte Gebäude Europas und nach dem Pentagon das größte Regierungsgebäude der Welt. Ceausescu ließ sein Volk ausbluten. Kein Wunder, dass ihn Viele mit Graf Dracula verglichen.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie ich nach Deutschland gekommen bin.