17.06.2012

Vorurteile

Wer ist hier der Zigeuner

► Noch nie wurde ich von Roma beklaut. Auch kenne ich niemanden, der bestohlen wurde und sicher wei├č, dass ein Roma der Dieb war. Dass "den Zigeunern" der schwarze Peter zuschoben wird, erlebte ich hunderte Male. Eine Beobachtung der vergangenen Tage.

ÔÇ×Wie steht es bei euch in Deutschland um die Zigeunerfrage?ÔÇť Hierzu w├Ąren mir spontan zwei Dinge eingefallen, h├Ątte ich an Stelle meiner Eltern auf die Frage eines fl├╝chtigen Bekannten aus Siebenb├╝rgen antworten m├╝ssen: ÔÇ×Ja wei├č du T., in Berlin, da haben wir besonders viele von ihnen. Und es sind nicht irgendwelche, sondern rum├Ąnische. Ganz recht. Und es werden immer mehr, dank Leuten wie dir. Sie m├╝ssen euch wohl danken. Und wir euch. Denn mit eurem Alltagsrassismus macht ihr es ihnen verdammt leicht, der Heimat den R├╝cken zu kehren. Das mit der Integration ├╝bernehmen wir in Deutschland gerne. Wir haben da eh mehr Erfahrungen als ihr. Au├čerdem haben sie es hier ohnehin viel besser. Wir k├Ânnen ihnen wenigstens noch die ├ťberbleibsel eines Sozialstaates bieten. Und das Kindergeld ist im Unterschied zum rum├Ąnischen mehr als blo├č ein Trinkgeld. Also was deine Zigeunerfrage betrifft: Auch hier scheint Deutschland an allen anderen vorbeizuziehen in Europa.ÔÇť

Oder ich h├Ątte dem Lastwagenfahrer T. einen Vortrag gehalten ├╝ber das Berliner Holocaust-Mahnmal zum Gedenken an etwa eine halbe Million Roma und Sinti, die in der Zeit des Nationalsozialismus' in Europa ermordet wurden. Dass die Gedenkst├Ątte immer noch nicht fertig ist: eine Schande, h├Ątte ich ihm gesagt. Gerade wo Antiziganismus in Europa zu einem dr├Ąngenden Problem wird. Und ganz sicher h├Ątte dieser T. mir da zugestimmt.

All das h├Ątte ich diesem T., der sich erst eine Stunde vor Ankunft bei meinen Eltern ank├╝ndigte, der zusammen mit seinem Brummi-Kumpel alles an Bier, Wein und Spirituosen im Haushalt meiner Elten vernichtete, der sich drei Tage lang von meiner Mutter wie ein Pascha bekochen lie├č, ÔÇô nun das h├Ątte ich diesem T. wohl antworten wollen, wenn es mir nicht, wie meinen Eltern, die Sprache verschlagen h├Ątte.

Die Worte fehlten meiner Mutter auch, nachdem sie dem unerwarteten Besuch die T├╝r ├Âffnete. Auf die Frage, ob die Herren denn etwas zu trinken haben wollten oder sonst etwas br├Ąuchten, antwortete dieser politisch versierte T.: ÔÇ×Kaffee, Trank (Damit wird er seinem Trinkverhalten nach zu urteilen wohl keinen gr├╝nen Tee gemeint haben) und Weib.ÔÇť Die Herren Lastwagenfahrer hatten etwas nach Bielefeld geliefert oder abgeholt. Da m├╝ssen die beiden sich spontan ├╝berlegt haben, es sei doch sicher nett, bei meinen Eltern einzukehren. Und um unter Beweis zu stellen, dass sie auch richtige Ungarn sind ÔÇô so m├╝ssen sie sich gedacht haben ÔÇô, sei es fein, sich auch so zu benehmen, wie die Magyaren zu Zeiten der ungarischen Landnahme um Anno 900: alles pl├╝ndern und weiterziehen.

Meine Eltern hatten diesen T. in einem Urlaub in Siebenb├╝rgen kennengelernt. Dass er sich f├╝r Rassenhygiene interessiert, um die Reinheit der ungarischen Volksseele sorgt, aber selbst wie der letzte Vandale auff├╝hrt, muss meinem Vater wohl verborgen geblieben sein, als er dem T. per Skype-Chat schrieb, dieser k├Ânne doch gerne mal vorbeikommen ÔÇô wie man so etwas halt mal ebenen schnell schreibt. Dass dieser T. derart spontan und durstig sein w├╝rde, ahnte mein Vater da wohl noch nicht. Wenn man es in der Sprache eines Antiziganisten sagen m├╝sste und Vorurteile gegen Roma auch immer den Tatsachen entspr├Ąchen, dann m├╝ssen sich dieser T. und sein Kumpane wie die letzten Zigeuner aufgef├╝hrt haben.

Was mein Opa, sein Garten und das Chaos darin mit Roma zutun haben k├Ânnten

Ein Problem mit ÔÇ×ZigeunernÔÇť, wie er sagt, hat auch mein Gro├čvater. Als ich ihn neulich zusammen mit meiner Gro├čmutter im Krankenhaus besuchte, musste ich ihm ein Gest├Ąndnis machen: ÔÇ×Gro├čpapa, in meinen Artikeln, da verteidige ich die Zigeuner.ÔÇť Statt sich dar├╝ber aufzuregen, setzte er zu einer seiner Geschichten an, in die er sich bestens hineinzusteigern versteht. Nat├╝rlich wollte auch dieses Mal ein ÔÇ×ZigeunerÔÇť ihn beklauen.

Meine Gro├čeltern haben am Stadtrand von Ordorhellen an einem Hang gelegen einen kleinen Streifen Land, darauf einen Bungalow, halb in den H├╝gel hinein gebaut. Auf diesem Bungalow, fast schon ein Keller, steht wiederum eine kleine Holzh├╝tte, zusammengeschustert aus Schrott, den mein Opa mit seinem Fahrrad Teil f├╝r Teil angekarrt hat. Der Garten ist das Rentenidyll meiner Gro├čeltern. Und auch ich genie├če es, dort sorglose Stunden im Rasen zu liegen, umgeben von Sommerduft nichts-tunend den R├Ąuberpistolen meines Gro├čvaters zu lauschen, wie dieser: Neulich sei ihm ein Rom ├╝ber den Gartenzaun gestiegen. Als mein Gro├čvater ihn fragte, was er auf seinem Grundst├╝ck verloren habe, soll der Eindringling erkl├Ąrt haben, er sei auf dem Heimweg und habe eine Abk├╝rzung nehmen wollen. Falls es sich so zugetragen hat: eine zugegeben d├╝rftige Ausrede, vor allem, wenn man bedenkt, dass mein Opa das Gel├Ąnde abgesichert hat, wie ein paranoider Kriegsveteran (der er zum Gl├╝ck nicht ist): mit Stacheldraht, Fallen und allem was ihm einfiel.

Vorsicht: Roma auf Ausflug!

Mein Opa ist ein Kauz. Und bis auf seine mit dem Alter zunehmende Angst vor stehlenden Roma, ist er der beste Opa, den man haben kann. Ihm, so glaube ich zu erkennen, verdanke ich die gr├Â├čte Portion meiner Neugier und Kreativit├Ąt, sofern solche Dinge denn tats├Ąchlich irgendwie genetisch weitergegeben werden. Doch wollte man b├Âse sein, k├Ânnte man ihm auch ein Quantum Messi-Syndrom diagnostizieren. So ist der Bungalow bis in die letzten Winkel voll mit Schrott, ├╝berwiegend Stahl. Erst deshalb musste als Ersatz die Holzh├╝tte her. Dort herrscht auf Gehei├č meiner Gro├čmutter striktes Verbot jeglichen Krempels, den mein Kauz-Opa so leidenschaftlich sammelt. Doch daran, dass der Bungalow v├Âllig zugem├╝llt ist, will mein Opa selbst nicht schuld sein. Nein. Seine Erkl├Ąrung: Er m├╝sse ja alles wegsperren, damit die ÔÇ×ZigeunerÔÇť ihn nicht bestehlten. Im Garten sei sonst genug Platz.

ÔÇ×Ach wei├čt du, dein Gro├čvater ist ein alter ChauvinistÔÇť, hat meine Oma einmal ├╝ber ihn gesagt. In ihrem L├Ącheln trug sie dabei eine liebevolle Mischung aus Milde und Spott. Doch ├╝ber seine Romaphobie kann sie gl├╝cklich sein. Denn sonst w├╝rde ihr geliebter Garten wohl vor Krempel ├╝berlaufen.

Zwei Tage sp├Ąter hat man meinen Opa aus dem Krankenhaus entlassen. Kaum zwei Stunden nachdem er den Duft der Freiheit erschnuppern durfte, stieg ich mit ihm und meiner Gro├čmuttern einen H├╝gel in Richtung des Gartens hinauf. Dabei ├╝berholte uns eine Gruppe: drei dunkelh├Ąutige M├Ąnner und eine wei├če Frau. Der letzte, der in der Gruppe an uns vorbeizog, gr├╝├čte freundlich. Mein Gro├čvater bliebt stumm. Seinen Feind erkannte er sofort. Seine Gedanken lesend musste ich schmunzeln und bes├Ąnftigte ihn: ÔÇ×Die machen nur einen Ausflug.ÔÇť ÔÇ×Ja. Und auf dem Heimweg f├╝llen sie ihre Rucks├Ącke mit Zwiebeln aus fremden G├Ąrten.ÔÇť ÔÇ×So ein Quatsch. Die hatten gar keine Rucks├Ącke.ÔÇť

Weder wurde ich je von Roma beklaut, noch erlebte ich, wie das jemand anderem widerfuhr. Daf├╝r musste ich sicherlich etliche hundert Male h├Âren, wie Roma des Diebstahls bezichtigt wurden, einfach auf Verdacht. Auch wenn mein anderer Gro├čvater behauptet, mit den Roma auszukommen, da er gut mit ihnen zusammen gearbeitet habe, fr├╝her im Kommunismus ÔÇô als er auf einem Spaziergang sieht, dass einem Gulli der Deckel fehlt, wei├č auch er sofort, wo die Schuld zu suchen ist: ÔÇ×Die Zigeuner klauen ├╝berall Metall, um es zu verkaufen.ÔÇť

Es mag sogar etwas dran sein. Just heute, einem br├╝tend hei├čen Sonntag, parkte ein Lieferwagen vor dem Haus meiner Gro├čeltern, als ich kam. Vor dem Tor stand ein junger Rom. Lautstark versuchte er meine Gro├čmutter davon zu ├╝berzeugen, die Regenrinne des Hauses von ihm und seinen Kollegen erneuern zu lassen. Das allerdings sofort. Denn so billig wie heute w├╝rde er die Arbeit nimmer verrichten. Meine Gro├čmutter lehnte dankend ab.

Ob eine neue Regenrinne vielleicht in ihrem vorherigen Leben ein Gullideckel war? Wer wei├č. Bei so viel Ablehnung seitens der Mehrheitsgesellschaft kommen die Roma kaum anders an Geld, als ├╝ber Betteln oder die Illegalit├Ąt. Arbeit gibt ihnen so gut wie niemand. Zu oft, so erz├Ąhlt man sich, sollen die Roma die Situation ausnutzen und zum Beispiel auf dem Bau stehlen. Wie auch immer. Es wird sicher auch Nicht-Roma geben, die Metall stehlen oder ├ähnliches. Ich f├╝r meinen Teil halte es da ganz schlicht bei der Unschuldsvermutung: In dubio pro reo.

Wie ein Ungar einen Rom betrog

Zweifelsfrei bezeugen kann ich allerdings, wie heute ein Busfahrer, ein Ungar, ein Roma-P├Ąrchen ├╝ber's Ohr gehauen hat. Sie trug einen mit Blumen bemusterten langen Rock und ein buntes Kopftuch. Er einen pr├Ąchtigen blonden Schn├Ąuzer. Die beiden fuhren kaum wenige hundert Meter mit, mussten aber pro Person mehr zahlen, als ein anderer Fahrgast f├╝r rund zwanzig Kilometer. Wenn Betrug und Diebstahl Delikte sind, die in den K├Âpfen der meisten Osteurop├Ąer fast ausschlie├člich von Roma ver├╝bt werden, dann muss man sich oft fragen: Wer ist hier der Zigeuner.