29.07.2012

Replik

Bitte nicht mehr Penisse


Deutlicher geht's nicht: Phallus in Buthan.
(foto: rajkumar1220)

► „Hose runter!“ fordert die Erfolgsautorin Elisabeth Raether. Sie will das Übermaß an weiblicher Nacktheit in der Öffentlichkeit ausgleichen – durch mehr Penisse. Warum der Streit ums Fleisch in die Sackgasse führt. Ein Replik

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„Der Penis sollte jetzt den Dialog suchen“. Elisabeth Raether fordert, dass Männer die Hosen runterlassen. Im aktuellen Zeit-Magazin beklagt die Bestsellerautorin: „Welche Frau nicht das Glück hat, mit einem Mann zusammen zu sein, bekommt selten einen Penis zu Gesicht. Penisse lassen sich in der Öffentlichkeit kaum blicken. [...] Eine Frau kann in Biologiebüchern blättern, sie kann sich Pornos anschauen, in denen sie Penisse in ungeahnten Dimensionen sieht. […] Aber Bilder von echten, zeitgenössischen Penissen, aus Fleisch und Blut, nicht pornografisch, nicht abstrahiert, nicht medizinisch, solche Bilder sind schwer zu finden.“ So weit, so wahr. Aber wo ist der Punkt? Ließe sich das selbe nicht auch über Vulven sagen?

Klar, es gibt mehr weibliche Nacktheit in Medien und Kultur als männliche. Auch wenn es nicht neu ist: Ginge es um die blanke Quadratmeterzahl an nackter Haut – auf Leinwänden, Mattscheiben, Fotos und Bühnen–, dann hätte die Autorin recht. Aber ihr geht es um mehr.

„Junge Männer tragen die obersten Hemdknöpfe geöffnet, sie zeigen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale, Bart und Brusthaare, und in hochgekrempelten Hosen ihre nackten Fesseln,“ schreibt die Autorin. Doch nackt ist nicht gleich nackt, nicht für Raether. Und man mag einsehen: Ein praller Busen gegen eine falche Hühnerbrust – das ein schlechter Tausch. Und so geht es Raether ums Ganze. Sie will den Penis. Aber ist das fair?

Frauen wirft sie vor, zögen sich aus, „sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet. Ein Anruf genügt, von der RTL-2-Frauentausch-Redaktion oder vom örtlichen Fotoladen, der sein Schaufenster dekorieren will, schon zeigen Frauen alles, was sie haben.“

Alles? „Wo findet man denn bitte Bilder von echten Schamlippen aus Fleisch und Blut, nicht pornografisch, nicht abstrahiert, nicht medizinisch?“, fragt ein Kommentator rhetorisch. Eben: im Porno oder im Biologiebuch, aber sicher nicht in der Öffentlichkeit. Und das ist auch gut so.

Feigenblätter und Pornos

Nun, auch wer die Genesis nach Moses verachtet: Die Schöpfung hat Eva mit einem natürlichen Feigenblatt ausgestattet. Die volle Pracht ihrer primären Geschlechtsteile verbergen sich hinter einem mystifizierenden Wald. Im christlich-abendländischen Kulturkreis bleib dieser Wald über zig Generationen von einer Rodung verschont. Bis sich im 20. Jahrhundert die westliche Pornoindustrie mit Gillette verschwor, diesem Märchenwald den Zauber zu rauben. Nicht wenige Damen folgen diesem Trend heute und lüften ihr genitales Geheimnis. Das ist wenig anstößig, solange es Privatsache bleibt. Wenn frau sich allerdings für kosmetische Eingriffe wie brazilian Waxing entscheidet, wird sie außerhalb von Pornoproduktionen kaum nackt vor die Kamera gelassen. Und wenn doch, dann nur so, dass ihre Scham zu keinem Zeitpunkt ins Licht fällt. Kurz: Man sieht nix.

Adam wurde von der Natur etwas schlichter ausgestattet. Sein Feigenblatt ist zu dürftig, als dass es die Wahrheit zu verbergen vermag. Deshalb kommt ein Penis auf der Mattscheibe genauso obszön daher, wie blanke Schamlippen.

„Die primären Geschlechtsmerkmale der Frau gelten als so uninteressant …“, Stopp! Dieser Halbsatz stellt wie beiläufig eine Behauptung in den Raum, die jeglicher Grundlage entbehrt. Man wisse nicht, ob es korrekt Vulva oder Vagina heiße, schreibt Raether. Das stimmt vielleicht. Doch fälschlicher Weise glaubt die Autorin hierin belegt zu sehen, dass weibliche Genitalien schlicht uninteressant seien. Eine Fehleinschätzung.

Vulva oder Vagina?

Dass sich Leute nicht genau darüber im Klaren sind, was sie eigentlich meinen, wenn sie Vulva oder Vagina sagen, zeugt kaum von Desinteresse. Nein. Das Unwissen verdeutlicht vielmehr: Die blanke Mu ist Tabu – genauso wie die nackte Nudel. (Zur Aufklärung: Grob gesagt, ist die Vulva das Äußere, die Vagina das Innere – ganz einfach.) Dass sich mit dem Tabubruch reichlich Schotter machen lässt, zeigt die Pornoindustrie. Hier sind sind nicht nur die Prengel prall, sondern die Ritzen radikal rasiert. Es wird gezeigt, was der Körper hergibt, egal ob bei Frau oder Mann. In Sachen Darstellungsdeutlichkeit könnte man die Bumsstudios von Los Angeles also durchaus für Geschlechtergerechtigkeit loben, wären die Damen nicht fast ausschließlich in unterwürfigen Positionen dargestellt.

Dass blanke Lippen in der öffentlichen Darstellung ebenso Tabu sind wie ein hartes Teil, dieses Detail scheint die Autorin zu umschiffen. „Spätestens seit der sexuellen Revolution sind Fotos von weiblicher Nacktheit und vor allem weiblicher Halbnacktheit, oben ohne, unten etwas Knappes, alltäglich.“ Das könnte die Autorin genauso gut im Freibad beobachten, allerdings eher bei Männern. In Südeuropa tragen selbst ältere Herren in den Sommermonaten gerne unten etwas Knappes und stolzieren oben ohne (oh Schreck!) bierbäuchig durch die Gegend.

„Brüste sind für die Bühne geboren. Von Männern aufrichtig geliebt und verehrt, sind sie Geschlechtsmerkmale und erogene Zonen, doch sie sind nur sekundäre Geschlechtsmerkmale. Sie steigern die Attraktivität und dienen nicht direkt der Fortpflanzung. Zu dieser ebenso wirksamen wie beiläufigen weiblichen Halbnacktheit gibt es kein männliches Äquivalent,“ klagt die Autorin. Aber bei wem beschwert sie sich eigentlich: bei Mutter Natur oder beim lieben Gott, bei der Evolution oder bei uns, den Männern?

Wer "Hose runter!" fordert, könnte auch sagen: "Beine breit!": Lesen Sie weiter auf Seite 2.