26.06.2012

Spontantrips

Die Hymne der Freiheit


„Die Reise von tausend Meilen beginnt zu deinen Füßen.“ – na gut, es waren nur 100 Kilometer.
(Foto: Peter Knobloch)

► Last-Minute-Reisen sind alles andere als spontan. Wer echte Freiheit sucht, muss einiges hinter sich lassen: Einfach einsteigen und los. Nur so lässt sich die Kruste des Alltags aufbrechen. Ich habe mich auf den Weg gemacht.

7.30 Uhr, die Filmmelodie von „Es war einmal in Amerika“ reiß mich aus dem Schlaf. Bis ich einen Fuß aus dem Bett bekomme, werde ich den großen Ennio Morricone drei Mal wegdrücken. Der Kaffee schmeckt heute genauso wie gestern. Und ich weiß: So wird er auch morgen schmecken – ein Schuss Milch, zwei Stücke Zucker. Um 8.50 Uhr gehe ich runter in den Hof, steige auf meine Gazelle und radele wie jeden Tag etwa 20 Minuten zum Büro. Sehe dort die selben Gesichter, trinke den selben Kaffee und schreibe (fast) die selben E-Mails.

Die immer gleichen Abläufe des Alltags können Menschen erstarren lassen, eine Kruste bilden, so als könne sich Kalk auf unserer Seele ablagern. Von Zeit zu Zeit durchbrechen wir diese Kruste: Wir verreisen. Und am besten tun wir das spontan – ohne Ziel, ohne Plan: „Reisen ist besonders schön, wenn man nicht weiß, wohin es geht“, soll der chinesische Philosoph Laotse im sechsten Jahrhundert vor Christus gesagt haben.

Klingt leicht gesagt: Was uns im Weg steht, ist Angst. Tag für Tag versuchen wir, den Fluss der Ereignisse zu unseren Gunsten zu beeinflussen, unser Leben zu planen, Entscheidungen zu optimieren. Wir streben nach Kontrolle – auch auf Reisen.

Die Bildungsreise in den Vatikan will geplant sein. Und so sehr Last-Minute-Reisen mit vermeintlicher Spontanität locken – sie enden in den immer gleichen Hotels. Wenn wir schon versuchen die Kalkkruste des Alltags aufzubrechen – wieso sollten wir dann tausende Kilometer fliegen, nur um unseren Büroalltag gegen ein straffes All-Inklusiv-Korsett zu tauschen; jeden Morgen den Liegeplatz am Pool per Handtuch erstreiten, Schlange stehen am Frühstücksbuffet und nach einer Überdosis UV-Strahlen in der immer gleichen Strandbar den immer gleichen Cuba Libre schlürfen? Sobald der Flieger abhebt, ist jegliche Spontanität verflogen.

Der Wunsch nach Sicherheit ist ein Urbedürfnis des Menschen. Und so planen wir, nur um immer wieder festzustellen: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auf große Erwartungen folgen nicht selten große Enttäuschungen. Die Angst vor dem Kontrollverlust beschränkt uns: Sie ist der größte Feind der Freiheit.

Warum also nicht in die nächstbeste Regionalbahn steigen oder Europa mit einem Interrail-Ticket erkunden, einfach der Nase nach? Oder Wäsche für eine Woche packen, dazu das Nessesair und die Kreditkarte in den Koffer, Autotür auf, einsteigen und los? Wer kein eigenes Auto besitz, kann trampen: Daumen raus in Richtung Freiheit.

Als ich an meinem ersten Urlaubstag seit langem morgens durch den nahen Volkspark jogge, weiß ich noch nichts von einer Reise – bis mich die Idee packt: Ich und meine Gazelle, ein Rucksack und Bargeld – sonst nichts. „Die Reise von tausend Meilen beginnt zu deinen Füßen.“ Der alte Laotse wird mein Reiseführer und so beginnt mein Trip ins Ungewisse noch heute vor der eigenen Haustür in Berlin-Schöneberg.

Schon beim Packen ergreift mich eine Euphorie, die ich bisher nicht kannte: So fühlt es sich, wenn die angestaute Kalkkruste im Herzen aufbricht, wenn man über den eignen Mut staunt und die Gewissheit in sich trägt: Obwohl ich weder weiß, wo es hingeht, noch wo ich übernachten werde: Ich werde etwas finden. Den Weg bestimmt mein Instinkt.

Es ist bereits nach 15 Uhr, als ich aufbreche. In einem Buchgeschäft greife ich, ohne zu überlegen, zu einer Radkarten: „Oderbruch, Barnimer Land“ – mein letztes bisschen Halt. Mit UMTS-Netz soll die Karte GPS-Tauglich sein. Wer's braucht. Ich verlasse mich auf die Zellstoffvariante.

Mein Weg führt mich an der Müggelspree entlang. Außer dem Klappern meiner alten Holland-Leeze ist weit und breit nichts zu hören. Zu wissen, dass ich diese Reise mit eigener Muskelkraft bestreite, stärkt mich. So lasse ich Kiefer für Kiefer Zeit und Raum an mir vorbeistreifen. Es ist, als pfeife der Wind in meinen Haaren eine Hymne der Freiheit. Jeder Zeit kann ich absteigen, mich neben das Schilfufer der Spree setzen, das Organe der untergehenden Sonne bewundern und dem Vogelgezwitscher lauschen. Ich bin an nichts gebunden, in der Stille ganz bei mir – und frei.