22.04.2012

2Pac

Dr. Dre spielt Gott


Tupac Shakur, dreifach Sinnbidlich: Ein Wiederauferstandener trägt Jesus um den Hals und öffnet die Arme zum Kreuz.
(Screenshot: Youtube)

► Seit 15 Jahren tot, erschien Rap-Legende 2Pac vor einem Publikum in Kalifornien – als digitale Marionette. Der Strippenzieher dahinter ist selbst eine Legende. Doch sein Lebenswerk ist in Gefahr.

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„What the fuck is up, Coachella“, rief Rapper 2Pac ins Publikum. Zusammen mit seinem Homie Snoop Dogg an seiner Seite performte die West-Coast-Legende vergangenen Sonntag beim Coachella Festival in Kalifornien den gemeinsamen Hit „2 of Amerikaz Most Wanted“. Das kuriose daran: Tupac Amaru Shakur ist seit 1996 tot, das Festival wurde erst 1999 ins Leben gerufen.

2Pac erschien als Hologramm auf der Bühne. Und wie zu Lebzeiten hing ein riesiges Kreuz um seinen Nacken. Zwar gehört ein glitzerndes Riesenkruzifix zur modischen Grundausstattung eines jeden Gangsterrappers, auch und vor allem durch Tupac. Doch hier wirkt es sinnbildlich, fast als wäre er als Hiphops-Heiland auferstanden, um das Rap-Genre von seiner Erbsünde zu befreien; seinem Hang zu Eitelkeit, Banalität und Gier. Klar. Nicht, dass 2Pac nicht auch überaus leidenschaftlich gezeigt hätte, wie viel Kohle er scheffelte – ganz klassisch zu hören auf „Picture Me Rollin“.

Doch was Elvis Presley für Rock’n’Roll war, das ist 2Pac für Hiphop. Der Mann hatte eine dermaßen kraftvolle Erscheinung, Stimme und Aura, dass sie ihm sein früher Tod zum Märtyrer machte, ihm den Status als Legende im Mount Richmond des Hiphop verlieh. Und wie um Elvis Tod rangen auch um seine Ermordung allerlei Verschwörungstheorien. Doch das hier aufzuarbeiten, wäre zu viel des Guten.

Auf die Idee, 2Pac von den Toten zu erwecken, kam jemanden, den man mit Fug und Recht als wahren Schöpfer bezeichnen kann: Dr. Dre. Für Hiphop-Kenner ist er so etwas wie der Liebe Gott. Der inzwischen 47-Jährige Andre Young ein Macher. Ohne ihn gäbe weder Eminem, noch Snoop Dogg. Und auch die Karriere von 2Pac hat der Doktor mit seinen G-Funk Instrumentalen massiv beflügelt. Das bekannteste Resultat ist Party-Klassiker „California Love“

Zu meinen persönlichen Favoriten aus der Zeit zählt „Can’t C Me“, vom Album „All Eyez On Me“.

Für die Wiedergeburt von 2Pac, seine Mutter hatte ihn nachträglich nach dem letzten Herrscher der Inka, Túpac Amaru, benannt, holte sich Young James Camerons‘ Effektschmiede Digital Domain an seine Seite. Die Technik dahinter ist zugleich alt und neu.

Auf die Idee, ein Objekt als Hologramm vor einem Publikum zu präsentieren, war John Henry Pepper bereits 1862 gekommen. Die Technik von „Pepper´s Ghost“ ist simpel. Das Objekt wird im Grunde genommen schlicht auf Glasfläche gespiegelt. Zu Beginn vor allem von Magiern und im viktorianischen Theater eingesetzt, erlangte der Hologramm-Effekt zum Beispiel in der Star Wars Berühmtheit. Wobei. Streng genommen, ist es kein Hologramm, also eine dreidimensionale Wiedergabe. Es ist mehr die zweidimensionale Wiedergabe einer dreidimensionalen Aufnahme. Alles klar?

Neu ist allerdings, dass das 2Pac-Hologramm nicht etwa auf die Aufzeichnung eines früheren Auftritts zurückgreift. Pacs Coachella-Auftritt hat es so nie gegeben, er wurde komplett neu animiert. Vier Monate lang ließen die Effekt-Künstler Archivmaterial neu berechnen und animierten daraus Gestik und Mimik, natürlich alles unter der strengen Beobachtung von Alt-Meister DRE.

DRE ist so etwas wie ein Midas des Hiphop. Was er auch angefasst hat, es wurde zu Gold. Und so schoss der Aktienkurs von Digital Domain nach der Renaissance des Makaveli, wie sich Tupac auch nannte, in die Höhe.

Und das Potential ist groß. DRE überlegt das Tupac-Hologramm mit auf Tour zu nehmen. Dass sich mit Kult, Mythos und Musik von verstorbenen Popikonen Millionen verdienen lassen, hat zuletzt der Hype um Michael Jackson gezeigt. Ob das nicht respektlos gegenüber den Toten ist, darüber lässt sich trefflich streiten. DRE hat sich jedenfalls zuvor den Segen bei der Mutter des Verstobenen abgeholt. Die äußerte sich begeistert, so wie bislang bei den meisten Versuchen ihren Sohn kommerziell reanimieren. Und Onkel Young zeigte sich ja auch großzügig. Er überwies ihrer Tupac Amaru Stiftung eine saftige Spende.

Dr. DRE beherrscht das Spiel mit dem Mythos. Einer um seine eigene Person ist ein Hiphop-Evergreen. Seit seinem zweiten Studioalbum „2001“, das wie sein Solo-Debüt „The Chronic“ als Rap-Meilenstein verehrt wird, wartet die Szene auf eine Fortsetzung. Und der Name Detox kursiert bereits seit 2004.

Seit Jahren lässt DRE nennt immer wieder Erscheinungstermine, um sie wieder platzen zu lassen. Nach so vielen Jahren ohne eigenen Output vermuten viele, das Album kann nur noch eine Enttäuschung werden. An der Befürchtung ist etwas dran. Von den Aufnahmen sind bereits drei Songs des unveröffentlichten Detox durchgesickert.

Eines Davon trägt den Titel „I Need a Doctor“. Das zentrale Thema: Wiederauferstehung; in diesem Fall die von DRE selbst, inszeniert in einem Hollywood-artigen Videoclip.

Seite 2: Dr. Dre und die Faszination der Wiederauferstehung