21.09.2013

Wahlbild

41-millionenfache Propaganda


Saufspr√ľche und Pathos vom Chef: Propagandaausgabe der Bild, einen Tag vor der Bundestagswahl.
(Foto: bildblog.de)

► Mit ihrer Sonderausgabe, einen Tag von der Bundestagswahl, versucht die Bild nicht nur mehr Menschen an die Urnen zu rufen, sondern nat√ľrlich auch zu manipulieren.

Grauer Vollbart und Hipsterbrille mit dickem, schwarzen Plastikrahmen: Trotz seines Silicon Valley Facelifts bleibt das Grinsen von Kai Diekmann (49) genauso schmierig wie einst seine Frisur, mit Wet Gel nach hinten geklatscht. So grinst der Bild-Chef heute aus 41 Millionen Deutschen Briefk√§sten. Ungefragt. Einen Tag vor der Bundestagswahl. Nat√ľrlich nur, um uns zu zurufen: "Geht w√§hlen!"

Recht hat er zwar. Aber geht es dem Springerblatt wirklich nur darum, die Deutschen an die Urne zu holen? (Das √ľbrigens auf der Titelseite mit Saufspr√ľchen wie "Prost Wahlzeit! Ab ins Wahllokal!") Nat√ľrlich nicht. Die Bild, die sich selbst als unabh√§ngig und √ľberparteilich bezeichnet, ist und bleibt ein reaktion√§res Propagandablatt. Wer aufmerksam Diekmanns Leitartikel liest, staunt nicht schlecht. √úber die Politik schreibt der Bild-Chef: "Oft fehlt der Glanz, nicht selten de klare Kante." Klare Kante? Es scheint fast, als wolle ausgerechnet Diekmann dem Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten in die H√§nde spielen. Schlie√ülich ist es Peer Steinbr√ľck, der f√ľr sich mit klarer Kante wirbt.

Eine Seite sp√§ter wird die Sache schon klarer. Prominente stellen Fragen an die beiden Spitzenkandidaten Merkel (CDU) und Steinbr√ľck (SPD). Merkel bekommt 20 Fragen gestellt, Steinbr√ľck nur 16.

Das nur als Klammer: meine Favoriten sind Heino und Christian Ulmen. Ulmen fragt Steinbr√ľck, welcher Planet er gerne w√§re. Antwort: "Herr Ulmen, ich bin nicht Captain Kirk, sondern ich will Bundeskanzler werden!" Und Heino, der graue Star der Schlagerwelt, will von SPD-Kandidaten wissen, warum Steinbr√ľck ihm kein Bundesverdienstkreuz geben will. Der Hanseat trocken: "F√ľr die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gibt es Regeln. An die m√ľssen sich alle halten." Warum zum Himmel, will Heino ein Bundesverdienstkreuz? Das w√§re, als bek√§me Barack Obama den Friedens Nobelpreis. Ach, da war ja was. Klammer zu.

Nach einem erstaunlich ausgewogenen Dreiergespr√§ch mit den Spitzenkandidaten von FDP (Philipp R√∂sler), Linken (Sahra Wagenknecht) und Gr√ľnen (J√ľrgen Trittin) kommen zwei Altkanzler zu Wort. Auf Seite acht darf Helmut Kohl, darunter Gerhard Schr√∂der. Kohl bleibt grunds√§tzlich und staatsphilosophisch: "Der Lauf der Geschichte ist keinesfalls vorgegeben [...] Geschichte ist das Ergebnis des Handelns von Menschen". Schr√∂der kritisiert die Regierung, sie habe "vers√§umt Alternativen deutlich zu machen." Auch hier wirkt es als, sei Kohl mehr Platz einger√§umt worden, als Schr√∂der.

Die Propagandakeule kommt auf den Seiten zehn und elf. Auf der Doppelseite werden 33 Erstw√§hler zu Wort gebeten. Nat√ľrlich w√§hlt die √§u√üerst attraktive B√§ckereifachverk√§uferin Angela Nikolai (20) auch Angela Merkel. Und nat√ľrlich kommt sie als erste zu Wort, oben links auf der Seite. Direkt darunter: Model Justus Eisfeld (21). Dessen Stimme geht wahrscheinlich auch an die CDU. Logisch. Von den 33 Erstw√§hlern auf der Doppelseite tendieren zehn zur Union, acht √§u√üeren sich nur indirekt, sechs w√§hlen SPD, vier die Gr√ľnen, zwei FDP und jeweils nur einer AfD, Piraten und Linke. und hier muss man nun genau hinschauen. So vertritt etwa die Linke mit 75 Sitzen im Bundestag gut 12 Prozent des deutschen Parlaments. Das bedeutet: Auf die letzte Bundestagswahl bezogen w√§ren bei 33 Befragten vier Stimmen statt nur einer f√ľr die Linkspartei repr√§sentativ. Der einzige von Bild angef√ľhrte linke Erstw√§hler ist Erbse (21). Und der ist ‚Äď wie k√∂nnte es anders sein ‚Äď ein arbeitsloser Punk. Das ist bewusste Manipulation. Denn welcher Erstw√§hler will sich mit einem arbeitslosen Schnorrer identifizieren. Wobei. Die gr√∂√üten Schnorrer in diesem Wahlkampf sind ja eher die subventionsfeindlichen Wirtschaftsliberalen. Stichwort: Zweitstimmenkampa.

Aber zur√ľck zur Linken. Bild k√∂nnte nat√ľrlich argumentieren, dass laut einer Forsa-Umfrage nur 4 Prozent der Erstw√§hler die Linke w√§hlen w√ľrden. Damit w√§re Punker Erbse sogar repr√§sentativ. Nicht aber die beiden FDP-W√§hler. Denn laut Forsa kommen Br√ľderle und Co bei Erstw√§hlern auf nur zwei Prozent. Bei 33 befragten Erstw√§hler, w√§ren das 0,66 Personen. Es muss f√ľr die Bild wirklich schwer gewesen sein, FDP-W√§hler unter 22 Jahren zu finden. Sonst w√§re einer von den beiden genannten nicht 39 Jahre alt, der 1993 eingeb√ľrgerte Varol √Ėzkara, der nach eigenen Angaben jetzt zum ersten mal W√§hlen will. Bei der FDP l√§sst die Bild auch mal f√ľnfe gerade sein. Im Ernst: W√§re die Doppelseite wirklich repr√§sentativ, w√ľrde die FDP auf ihr gar nicht stattfinden. Laut Forsa wollen 19 Prozent der Erstw√§hler gr√ľn w√§hlen. Demnach d√ľrfte Bild ohne Schwierigkeiten auch sechs statt nur vier Erstw√§hler finden, die sich zur Partei von J√ľrgen Trittin bekennen. Bei der Bild-Aufstellung w√§hlen √ľbrigens bis auf eine Hipsterstudentin aus Kassel nur Angeh√∂rige von Randgruppen die Gr√ľnen: ein Knacki, der sich von den Gr√ľnen legales Cannabis erhofft ‚Äď nat√ľrlich damit niemand wegen Beschaffungskriminalit√§t sitzen muss (Was hat Beschaffungskriminalit√§t bitte mit Kiffen zu tun, so ein Quatsch. ). Au√üerdem ein Homosexueller und ein T√ľrke.

So l√∂blich es ist, die B√ľrger zur Wahl aufzurufen. Erstens ist es nicht Aufgebe der Bild. Zweitens ist das Argument vorgeschoben. Die Wahlausgabe ist ein handwerklich gut gemachtes Unterhaltungsst√ľck. Sie gibt sich √ľberparteilich, versucht jedoch √ľber die Quantit√§t des Gesagten, schwache Parteien kr√§ftiger und starke schw√§cher erscheinen zu lassen. Das ist einen Tag vor der Wahl und ungefragt an alle deutschen Haushalte zugestellt, Propaganda der √ľbelsten Art. Der Presserat muss reagieren.