28.10.2011

Gipfelbeschlüsse

Das schwarze Loch

► Der Euro scheint gerettet. Doch der griechische Schuldenschnitt ist eine Mogelpackung. Und auch der EFSF könnte die Staatschuldenkrise langfristig nur verschlimmern.

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Nach dem Euro-Gipfel feiert die Politik. Viele Wahlbürger hingegen sind ratlos. Haben Merkel, Sarkozy und Kollegen den Gipfel des Schuldenbergs wirklich schon erreicht? Und ist dieses Paket nun wirklich die Antwort?

Die Griechen erwirtschaften mickrige drei Prozent der gesamten Wirtschaftleistung in der Eurozone. Schon die Ausgangslage verwirrt: Wie kann es sein, dass eine Währungsgemeinschaft dem Untergang geweiht ist, nur weil ein Zwerg in den eigenen Reihen taumelt? Die Antwort liegt in der Mathematik. Sie nennt sich Exponentialfunktion. Mit ihr berechnet man Zinseszinsen. Stellt man ihren Verlauf in einer Kurve dar, steigt sie erst ganz leicht und dann immer steiler an, am Ende ist sie fast senkrecht.

Nehmen wir an, ein junges Paar bekommt Nachwuchs und legt für das Kind 1.000 Euro an, die mit 5,25 Prozent verzinst werden. Zu seinem 18. Geburtstag ist die Summe auf 2.512 Euro angewachsen. Das ist nicht schlecht. Lässt ihr Kind das Geld bis zur Rente liegen sind die ursprünglichen 1.000 Euro zu einem kleinen Vermögen von 27. 825 Euro angewachsen. Ist ihr Nachwuchs auf das Geld nicht angewiesen und das Geld bleibt eineinhalb Jahrhunderte bis ins Jahr 2161 liegen, so sind aus 1.000 Euro gut zwei Millionen geworden. Umgekehrt wirkt dieses Prinzip bei Staatsschulden wie ein schwarzes Loch.

Griechenland ist derzeit mit rund 170 Prozent einer Jahreswirtschaftleistung (BIP) verschuldet. Gleichzeitig schrumpft die Wirtschaft des Landes in diesem Jahr wohl um mehr als fünf Prozent – nicht zuletzt wegen des radikalen Sparkurses, der Athen auferlegt wurde. Auf dem Euro-Gipfel hat Kanzlerin Merkel mit den Gläubigern das Ziel vereinbart, die griechische Staatsverschuldung bis 2020 auf 120 Prozent eines BIP zu senken. So viel, meint man, könne eine stabile Regierung noch verkraften.

Dass Griechenland dieses Ziel ohne kräftige Unterstützung nicht wird halten können, steht außer Frage. Denn auch die Zinslast des griechischen Schuldenbergs wächst exponentiell, ganz im Gegensatz zur hellenischen Wirtschaft. Wer, außer dem europäischen Steuerzahler, soll da noch helfen können? Die Chinesen oder Schwellenländer wie Brasilien, die in die EFSF investieren wollen? Oder die Banken, die künftig frische griechische Staatsanleihen kaufen? So oder so, auch sie werden einen Zins fordern. Mit jedem Kredit steigt die Anziehungskraft des schwarzen Loches exponentiell an.

Nur elf Millionen

Deutschland tut sich schwer mit Solidarität. Erst war man verärgert, weil Athen über seine Verhältnisse gelebt hat. Man hat sich über griechische Renten empört und über einen aufgeblähten Staatssektor geklagt. Nun wird immer deutlicher: Dass die Griechen jetzt die Zähne zusammenbeißen, ändert gar nichts mehr. Gleichzeitig kommen Zweifel auf: Wem helfen wir da gerade? Wie kann die Zeche Hunderte von Milliarden Euro betragen bei einem Völkchen von knapp 11 Millionen Menschen? Dass nun auch die Banken neues Kapital brauchen, ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Deshalb schimpfen viele nun auf die Geldinstitute.

Die Wut der Steuerzahler wird gedämpft. Auch die Finanzwelt müsse nun verzichten, auf nominal 50 Prozent ihrer Forderungen von insgesamt 210 Milliarden Euro, heißt es. Was aber bedeutet das konkret? Wenn ein europäischer Staat Schulden aufnimmt, gibt er Schuldscheine in Einheiten von 100 Euro auf den Markt. Die 100 Euro bezeichnet man als Nominalwert. Mit diesen Schuldscheinen wird auf den internationalen Finanzmärkten gehandelt. So verlieren oder gewinnen sie je nach Wirtschaftslage des Staates an Wert. Da jeder weiß, wie schlecht es um Hellas steht, kosten griechische Staatsanleihen aktuell zwischen 48 und 52 Euro. Das ist ihr Realwert. Wird also wie es aussieht im Januar 2012 die Hälfte von den ursprünglichen 100 Euro jeder griechischen Anleihe abgeschrieben, passiert nichts anderes, als dass der Nominalwert der Papiere auf den jetzigen realen Marktwert zurückgeholt wird.

Anleger hatten noch bis März 2011 die Chance, sich mit leichten Gewinnen von griechischen Papieren zu trennen. Lesen Sie weiter auf Seite zwei.